Sorry, ich esse Bratwurst!

Es gibt ja fast wöchentlich einen neuen Foodtrend, der gerade total angesagt ist. Und dann essen alle plötzlich nur noch Chia Samen, weil die megagesund sind. Und lecker. Echt jetzt. Und weil man jeden Trend unbedingt mitmachen muss, isst man die Chia Samen in allen möglichen Ausführungen. Zur Vor-, Haupt- und Nachspeise und zum Zvieri und Znüni und zwischendurch. Und muss dann ständig aufs Klo, aber das ist ein anderes Thema.

Chia SamenDieses ganze «wir-erweitern-unseren-Horizont-Gefasel» finde ich ziemlich anstrengend. Ich habe kürzlich den Härtetest gemacht und tapfer erwähnt, dass ich am liebsten traditionelle Schweizer Gerichte esse. Die Reaktionen haben sämtliche Emotionen der menschlichen Gefühlswelt abgedeckt. Nur Verständnis war nicht dabei. Da war der versteckte Vorwurf zwischen den Zeilen: «Gesunde Ernährung ist wichtig». Die überraschte und zugleich entsetzte Reaktion: «Was, du hast das wirklich noch NIE gegessen?!». Und der gut gemeinte Ratschlag: «Aber es schmeckt viel besser, als es aussieht.»

Nun gut, vielleicht bin ich manchmal schon etwas spiessig. Und irgendwie möchte ich ja auch nicht stehen bleiben. Also habe ich mir vorgenommen, meinen kulinarischen Horizont zu erweitern. Mit vielen guten Vorsätzen und einer Packung Imodium in der Tasche (man weiss ja nie) besuche ich heute mit Freunden das hipste Restaurant der Stadt. Da gehen jetzt ALLE hin. Nicht unbedingt, weil es so gut schmeckt, sondern weil da jetzt alle hingehen (habe ich das schon erwähnt?). Und weil man ein Foto mit dem Hashtag #healthyfoodlifestyle posten kann.

Während meine Freunde selbstbewusst Menüs mit ziemlich kuriosen Namen bestellen, wühle ich mich verzweifelt durch die Karte. Suche nach etwas, das ein kleines bisschen vertraut klingt. Nach so etwas Banalem wie «Nudeln» oder «Schnitzel» (jaja, ich weiss, Horizonterweiterung). Aber Fehlanzeige. Also wähle ich ein Gericht mit einem Namen, der locker als Zungenbrecher Karriere machen könnte.

Zehn Minuten später stochere ich lustlos in meinem Tamarinden-Berberitzen-Salat herum und tue so, als wäre das Unkraut auf meinem Teller ein Aha-Erlebnis für die Geschmacksknospen. Alle anderen haben Appetit. Und sie sind anscheinend auch nicht der Meinung, dass das Auge mitessen muss. Ich würde mich jetzt gerne in die Zeit zurückbeamen lassen, in der meine Grosseltern jung waren. Die hatten garantiert keine solchen Probleme. Ihr wisst schon, früher war alles besser und so.

Das Essen ist also kurz zusammengefasst ein ziemlicher Reinfall. Okay, zugegeben, es ist gesund. Aber auch wenn Schnipo gefühlte 5’000 Kalorien mehr auf den Teller bringt und meinen Horizont einschränkt, mag ich es einfach lieber. Oder Bratwurst, weil die immer gleich schmeckt. Nach gebratener Wurst nämlich.

Wobei, etwas Gutes hat der Abend dann doch noch. Ich nutze die Gelegenheit und poste fleissig Fotos auf Instagram. Hashtag #esistsooolecker. Und ich kriege jede Menge Likes dafür. Schon cool, irgendwie. Vielleicht gehe ich wieder einmal hin.

PS: Übrigens … ich esse gerne Fleisch, vegetarisch und vegan. Ich habe nichts gegen diese Ernährungsweisen. Ich finde es aber amüsant, dass sich die Hypes um die verschiedenen Nahrungsmittel fast wöchentlich die Türklinke in die Hand geben. Die Leute folgen diesen Trends bereitwillig und ignorieren ihren eigenen Geschmack grosszügig. Deshalb lautet mein kleiner, bescheidener Appell: Esst das, was ihr mögt. Und lasst die Menschen essen, was sie mögen.

 

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