Ist es nicht süss?!

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Da stehen sie, meine Kolleginnen. Sie beugen sich alle mit verzückten Jöö-Rufen über den Kinderwagen einer ihnen völlig unbekannten jungen Mutter. Zufällig über den Weg gelaufen, noch nie zuvor gesehen – aber als das Baby gluckst und brabbelt, reagieren sie alle begeistert und müssen unbedingt einige Worte mit der Mutter wechseln. «Ist es ein Mädchen? Wie alt ist sie denn? Die ist ja herzig!»

Eine Situation, die wohl viele von uns kennen. Auch ich. Mit dem kleinen Unterschied, dass ich nicht ebenso enthusiastisch und hingerissen reagiere. Ich finde nicht alle Kinder «Jöö» und kann die Begeisterung deshalb auch nicht immer teilen. Genau diese unverschämte Reaktion – oder eben Nicht-Reaktion – hat zur Folge, dass die anderen mich etwas irritiert ansehen und schon fast auffordernd fragen: «Ist es nicht süss?»

Tja. Wie beantwortet man diese Frage denn ehrlich?

«Nein, ist es nicht.»

«Keine Ahnung.»

«Naja, weiss nicht.»

Unmenschlich. Pietätlos. So was antwortet man in so einer Situation doch nicht! Als junge Frau schon gar nicht. Und warum? Weil es sich nicht gehört. Sagt wer? Die Gesellschaft. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz, dass junge Frauen bei Babys zumindest einen Hauch von Interesse zeigen müssen. Sind die Kleinen dann einige Jahre älter und um einiges schlagfertiger, gilt das selbstverständlich nicht mehr.

Für alle, die jetzt denken, dass ich total gefühllose und roboterähnliche Verhaltenszüge an den Tag lege: Ich bin stolzes Gotti eines kleinen Jungen, der mein Herz mit seinem Lächeln und seinen Kulleraugen sofort erobert hat und mit dem ich unglaublich gerne meine Zeit verbringe. Muss ich deshalb auch alle anderen Kinder automatisch süss finden? Nein. Macht mich das zu einem schlechten Menschen? Nein.

Es macht mich höchstens zu einem ehrlichen Menschen, der zu sich und seiner Meinung steht. Und solange wir dabei fair bleiben, dürfen wir das doch alle: authentisch sein und uns selbst treu bleiben.

 

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