Ey Alter, lasst uns schwören!

Alter

Ach, was waren das noch für Zeiten, als man die Stefanie noch Steffi nannte und den Hanspeter mit Hampi ansprach. Schön war das.

Heute nennen sich die Jugendlichen ja fast nur noch «Alter». Und dabei ist es völlig egal, ob Junge oder Mädchen. Da heisst es dann einfach: «Ey, Alter.» Und die Antwort lautet: «Ey, Alter.» Ganz simpel. Und so geht’s auch gleich weiter:

«Ey Alte, was lauft?»

«Ey Alte, ech schwör.» (Worauf schwören die eigentlich die ganze Zeit?)

Wenn du so durch den Zug marschierst, klingt dir dieses «Alter» wie ein Echo in den Ohren. Aus allen Richtungen hörst du es. Im besten Fall rückt noch ein „WTF“ hinterher (WTF ist die Abkürzung für «What the f…» – nein, also das kann ich hier nicht hinschreiben. Das ist jetzt wirklich ein böses Wort. Fragt lieber Google.).

Wobei, eigentlich ist das auch irgendwie praktisch. Ich zum Beispiel kann mir echt schlecht Namen merken. Wenn ich jetzt alle mit «Alter» ansprechen würde, dann würde das mein Leben um ein Vielfaches vereinfachen. Und nicht nur meines, es würde auch das Leben der werdenden Eltern einfacher machen. «Einen Namen für das Baby aussuchen? Müssen wir nicht. Wenn er gross ist, sagen ihm sowieso alle Alter.» Auch die Lehrerin muss sich keine Namen mehr merken. Sie kann einfach mit einer lässigen Handbewegung auf einen Schüler zeigen und «Ey Alter, wie viel gibt 4 x 4?» fragen. Und der Alte sagt dann: «Ey Alter, gibt 16, ich schwör.» Wenn alle sich gleich nennen, wird ja auch das Gruppengefühl gestärkt. Ausserdem ist diese Anrede total zeitlos. Man kann sie auch im hohen Alter noch verwenden. Und sich gegenseitig etwas zu schwören, zeigt doch, wie ehrlich und innig Freundschaften sein können. Hier kann man sich aufeinander verlassen, hier wird geschworen.

Nein, jetzt mal im Ernst: Wofür haben eure Eltern euch denn so wohlklingende Doppelnamen wie Kassandra-Aljosha und Etienne-Brendon gegeben, wenn ihr euch nur noch «Alter» nennt? Das ist doch schade. Und irgendwann werdet ihr ins Berufsleben einsteigen und dann könnt ihr eure Arbeitskollegen auch nicht einfach mit «Alter» ansprechen. Also, ihr könnt schön, aber das findet vermutlich nicht so Anklang.

Ich überlege mir gerade, wie mein Umfeld reagieren würde, wenn ich konsequent auf die Anrede «Alter» umsteigen würde. Die würden sich wohl alle an die Stirn tippen und sich fragen, was bei mir gerade schiefläuft („Söscht goht’s der scho no guet?!“). Oder sie würden so tun, als hätten sie nichts gehört, und hoffen, dass es sich um einen einmaligen Versprecher handelt.

Das habe ich beim ersten Mal, als ich den Ausdruck gehört habe, auch gehofft. Ich habe mir gesagt, dass ich mich wohl geirrt haben muss. Inzwischen bin auch ich auf dem Boden der Realität gelandet und im Jahr 2017 angekommen. Und im Jahr 2017 gibt’s nun mal viele «Alters», die sich jede Menge schwören. Also ich für meinen Teil bleibe lieber bei den «richtigen» Namen. Und ich habe auch nicht vor, täglich bei allen möglichen Menschen irgendwelche Schwüre abzulegen. Das ist mir einfach zu riskant. Und ich bin wohl auch schon zu alt dafür.

 

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