Ab sofort bin ich ein Morgenmensch

Wecker

Morgenstund hat Gold im Mund. Der frühe Vogel fängt den Wurm. Wenn ich so was lese, habe ich das Gefühl, das halbe Leben zu verpassen, wenn ich ausschlafe. Man sagt ja, dass es keine Morgen- oder Nachtmenschen gibt. Das sind alles nur Angewohnheiten. Es heisst, dass man viel mehr vom Tag hat, wenn man früh aufsteht. Deshalb habe ich entschieden: Ab heute bin ich ein Morgenmensch.

Samstagmorgen, 07:00 Uhr. Der Wecker klingelt. Wieso zur Hölle klingelt mein Wecker so früh?! Ach richtig, ich bin ja jetzt ein Morgenmensch. Am liebsten würde ich das blöde Teil an die Wand knallen, aber so was tun Morgenmenschen vermutlich nicht. Also belasse ich es dabei, ihn hasserfüllt anzustarren. Obwohl – das tun Morgenmenschen vermutlich auch nicht. Die hüpfen voller Energie aus dem Bett und freuen sich auf ihr Frühstück. Beim Gedanken an ein Frühstück vor 09:00 Uhr wird mir flau im Magen.

Ich schlurfe mit verschwommenem Blick ins Bad, stolpere dabei prompt über den Spielzeugball meines Hundes und touchiere mit der Schulter unsanft den Türrahmen. Während ich die Zähne putze, verzichte ich bewusst auf den Blick in den Spiegel. Nach dem Zähneputzen (das sich um diese Uhrzeit wie ein Marathonlauf anfühlt) spüle ich meine Zahnbürste aus und knalle beim Aufrichten mit dem Kopf gegen den Spiegelschrank. Wütend werfe ich die Zahnbürste in den Becher zurück und frage mich, wer den Mist mit dem frühen Vogel und dem Gold eigentlich erfunden hat.

Während mein Freund frisch-fröhlich sein Müesli geniesst, würge ich eine trockene Scheibe Brot herunter und verfluche den Tag jetzt schon. Man spricht ja oft von diesem Energieloch, das sich vor oder nach dem Mittagessen oder um 15:00 Uhr bemerkbar macht. Mein Energieloch beginnt heute um 07:00 Uhr und dauert den ganzen Tag an. Wie durch eine Blase nehme ich meine Umwelt wahr und kämpfe mich durch den Tag. Das frühe Aufstehen verfolgt mich permanent. Beinahe minütlich erinnern mich meine schweren Augenlider daran, dass ich seit heute zu den Frühaufstehern gehöre. Was finden andere Menschen nur so toll daran?

Etwas Positives hat das Ganze ja: Heute werde ich um 22:00 Uhr todmüde ins Bett fallen und sofort einschlafen. So lautet der Plan. Leider verabschiedet sich mein Energieloch punkt 21:00 Uhr und ich laufe zur Höchstform auf. Ich putze die Küche, falte die Wäsche zusammen, bezahle Rechnungen und ordne meine Haargummis nach Farben. Um 24:00 Uhr holt mich das schlechte Gewissen ein, weil ich ja morgen auch wieder früh aufstehen werde. Also lege ich mich ins Bett und lese zwei weitere Stunden in einem Buch. Man gönnt sich ja sonst nichts. Um zwei Uhr werde ich langsam müde und greife zum Wecker, um ihn für den Sonntagmorgen zu stellen. Ich starre einen Moment lang auf das Display: 07:00 Uhr. Ach, was soll’s. Ich korrigiere die Zahl um drei Stunden nach oben und ziehe mir die Bettdecke über den Kopf. Und wenn die Morgenstund Diamanten statt Gold im Mund hätte: Ich bin und bleibe eine Nachteule.

 

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